Apotheke

Der Apotheker als Lotse

Die zunehmende Landflucht ist eine Herausforderung für die Gesundheitsversorgung der Zukunft. Auch Apotheken sind betroffen. Künftig könnte es in Dörfern und Kleinstädten weniger von ihnen geben. Dabei werden Apotheker aufgrund des Ärztemangels besonders benötigt – als Lotsen für die Patienten. Ein Projekt in Rheinland-Pfalz soll die Apotheke vor Ort stärken.

Immer mehr junge Apotheker entscheiden sich gegen eine eigene Apotheke auf dem Land und für ein Leben in der Stadt (iStock/alvarez)

Immer mehr Schulabgänger und Berufsanfänger zieht es in die Städte. Das ist auch bei jungen Apothekern so. Angestellt zu sein in einer großen Apotheke, an einer Universität oder in der Industrie – dies ist für viele attraktiver als die eigene Apotheke in einem Dorf. Denn Selbstständigkeit ist mit einem finanziellen Risiko und häufig auch einer negativen Work-Life-Balance verbunden. Wenig Laufkundschaft und viele Nacht- und Notdienste machen das Apothekerleben auf dem Land zu einer Herausforderung. Doch wie soll die – alternde – Landbevölkerung künftig mit Arzneimitteln versorgt werden? Diese Frage beschäftigt Politik, Wissenschaft und Industrie seit Jahren. Einige Experten sehen den Versandhandel als Rettung. Vor-Ort-Apotheker möchten jedoch diesem nicht allein das Feld überlassen und entwickeln Modelle, wie „ihre“ Arzneimittel ihren Weg zu den Patienten in der Region finden können.

Thomas Hanhart ist Landapotheker im 3.500-Einwohner-Ort Kaisersesch in der Eifel. Um die flächendeckende Versorgung durch die Vor-Ort-Apotheken zu stärken und zu sichern, haben Hanhart und weitere Apotheker-Kollegen aus der Region Hunsrück/Eifel/ Mosel ein Projekt ins Leben gerufen. Es soll ihre Botendienste aufwerten.

Temperaturkontrolle und GPS

„Unser Ziel war es, ein ausgefeiltes System für den Botendienst zu entwickeln“, erläutert Hanhart. „Dabei ging es vor allem um die Temperaturkontrolle, insbesondere bei extremen Temperaturen.“ Denn viele Arzneimittel sind hitzeempfindlich. Die Apotheker-Gemeinschaft erwarb Thermoboxen, in denen Arzneimittel bei einer Temperatur von zwei bis acht Grad und bei Temperaturen unter 25 Grad aufbewahrt werden können. Einige Fahrzeuge sind zudem mit GPS ausgestattet, damit Patienten darüber informiert werden können, wann die Lieferung bei ihnen ist. „Wir können die Bevölkerung versorgen, es gibt keine Lücken. Den Versand brauchen wir nicht“, fasst Hanhart zusammen. Und verweist auf weitere Angebote, die nur Apotheken vor Ort vorweisen können: individuell angefertigte Rezepturen, Nacht- und Notdienste.

Einige Fahrzeuge des Medikamenten-Bringdienstes sind mit GPS ausgestattet, sodass die Patienten darüber informiert sind, wann die Lieferung bei Ihnen eintrifft (iStock/AndreyPopov)

Vor-Ort-Apotheker wie Thomas Hanhart zeigen, dass mit ihnen auch in Zukunft auf dem Land zu rechnen sein wird. Das ist umso wichtiger, da Apotheken an Bedeutung gewinnen werden: Durch das steigende Alter der Bevölkerung steigt die Zahl der multimorbiden Patienten und der Chroniker. Für diese müssen sich Ärzte mehr Zeit nehmen. Um in Zeiten des Ärztemangels die notwendigen Kapazitäten zu haben, kommt den Apotheken eine wesentliche Lotsenfunktion zu: Sie können Patienten in Sachen Selbstmedikation helfen und ihnen, falls das Krankheitsbild dies erforderlich macht, einen Arztbesuch empfehlen. Der selbstbestimmte Patient der Zukunft würde also die Apotheke als erste Beratungsinstanz nutzen – und die Ärzte könnten sich auf die schwerwiegenderen Fälle konzentrieren.

Berufsbild: Heilberufler statt Schubladenzieher

Der Apotheker als Lotse – das ist auch das Selbstverständnis von Pharmazeut Thomas Hanhart. „Wir als Apotheker sollten den Ärzten nicht ins Handwerk pfuschen“, sagt er. „Aber eine Beratung der Patienten im Erstkontakt – Was ist nun zu tun? Selbstmedikation oder Arztbesuch? – können wir vornehmen. Die Zusammenarbeit mit den Praxen muss Hand in Hand gehen. Wir können die Ärzte nicht ersetzen, aber entlasten.“ Denn Hanhart, Pharmazierat und Inhaber der Adler-Apotheke, sieht sich in erster Linie als Heilberufler. Seine Apotheke ist 150 Jahre alt und ein Familienbetrieb in vierter Generation. Die meisten Patienten sind Stammkunden aus Kaisersesch und Umgebung. Hanhart berät sie umfassend und versucht, individuell auf sie einzugehen. „Wir sind keine Schubladenzieher, sondern Arzneimittelexperten“, sagt er. Und warnt: „Aber man muss es sich auch leisten können, als Heilberufler zu agieren – und nicht auf Gedeih und Verderb auf den Verkauf aus zu sein.“

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